Auf dem Kanu die Enz entlang

Wer naturnahen Urlaub vor der Haustür erleben möchte, erkundet das Enztal vom Wasser aus. Möglich ist das in einem Kanu oder auf einem Stand-Up-Paddle-Board, die es am Viadukt in Bietigheim-Bissingen zu leihen gibt.

Ob Eduard Mörike beim Schreiben seines Gedichts „Mein Fluss“ die Enz im Sinn hatte, ist nicht überliefert. Aber der in Ludwigsburg geborene Dichter kannte den Nebenfluss des Neckars freilich – und wenn man morgens auf das dahinfließende Wasser blickt, passen sie, seine Verszeilen: „O Fluss, mein Fluss im Morgenstrahl! Empfange nun, empfange. Den sehnsuchtsvollen Leib einmal und küsse Brust und Wange!“

Im Kanu, Kajak oder auf dem Stand-up-Paddle-Board – kurz SUP – kann man getrost seinen Leib dem Wasser anvertrauen. Etwa direkt am Viadukt in Bietigheim-Bissingen. Dort hat der seit 39 Jahren bestehende Kanu-Verleih Zugvögel seine neue Zentrale eröffnet. An der Holzgartenstraße liegt das Büro. Anna Bröll, zugleich Inhaberin und Geschäftsführerin, sitzt an einem Computer, an den Füßen trägt sie Flipflops, über ihr hängt ein zur Lampe umfunktioniertes Kanu an der Decke, an der Wand zeigt eine stilisierte Landkarte die Stationen der Zugvögel an Neckar, Rems und Enz. Im Büro laufen alle Anmeldungen für den Boots- und SUP-Verleih sowie für geführte Touren zusammen. Coronabedingt durfte der Verleih an Einzelpersonen in diesem Jahr erst am 18. Mai starten, mittlerweile sind wieder Gruppentouren bis 20 Personen erlaubt.

33 Meter ragt das Viadukt über dem Fluss
Die 34-Jährige verlässt die angenehme Kühle des Büros. Im Vorbeigehen zeigt sie die Lagerhalle, in der unter anderem ein riesiges Stand-up-Paddle-Board steht – für Kindergeburtstage. Auf dem großen Parkplatz nebenan steht ein Anhänger, aus dem heraus ein Mitarbeiter die Kunden mit Schwimmwesten versorgt. Er ist einer von rund 38 Aushilfskräften, die jeden Sommer bei den Zugvögeln arbeiten. Zudem gibt es sieben Festangestellte. Der Mitarbeiter weist ihnen ihr Boot oder SUP zu und sie in die Kunst des Paddelns ein.

Sanft gleitet das Kajak ins Wasser. Man paddelt flussabwärts, im Rücken die Altstadt und das Wehr, vor einem das Wahrzeichen der Stadt: Das Eisenbahnviadukt, das 1853 fertiggestellt wurde. Beeindruckend ragt die Bogenbrücken über dem kleinen Fluss 33 Meter hoch in den Himmel und quert mit seiner Länge von 287 Metern das Enztal.

Hat man am Anfang noch Bedenken, an einem der Brückenpfeiler des Viadukts hängenzubleiben, stellt sich bald ein Gefühl für das Boot und das Paddeln ein. Die Strömung ist sanft, „anfängergerecht“, wie Anna Bröll es nennt. Nun wagt man auch, den Blick schweifen zu lassen. Der Fluss ist an vielen Stellen von Bäumen eingefasst, manchmal geben sie den Blick frei auf Wiesen. Dort ist eine Entenmutter mit ihren Küken am Flussufer. Da schnappt ein Fisch in die Luft. „Das ist naturnaher Urlaub vor der Haustür“, sagt Anna Bröll. Der ist in diesem Jahr gefragter denn je.

Passionierte Kanufahrerin seit der Schulzeit
Friedlich ist er, dieser Fluss. „Der Himmel, blau und kinderrein, worin die Wellen singen“, heißt es bei Mörike. Ja, da ist Gesang. Leise erst, dann etwas lauter. Zwei SUPs kommen hinter einer Flussbiegung hervor, zwei junge Frauen sitzen darauf, sie unterhalten sich, aus einem Handy klingt die Musik. Wenig später tauchen drei junge Frauen auf, die auf den Boards posieren und sich fotografieren, eine Junge versucht, möglichst viele Wellen damit zu erzeugen, anderen dienen sie als Sonnenliege. „SUPs liegen schon länger im Trend, aber in diesem Jahr boomen sie richtig – auch, weil fast jeder recht schnell damit paddeln kann“, sagt Anna Bröll. Sie erinnert sich, dass ihr ehemaliger Chef und Gründer der Zugvögel, Gerd Hofer, sie vor zehn Jahren fragte, ob sie „diese neuen Boards“ mal testen könne. Anna Bröll, die seit ihrer Schulzeit eine passionierte Kanufahrerin ist, schaffte zunächst vier Boards an. „Mir macht das richtig Spaß: Das ist ein schönes Ganzkörper-Workout, man kann sich aber auch einfach treiben lassen“, sagt Bröll, die nach ihrem Tourismusmanagement-Studium seit vier Jahren selbst die Chefin ist. Sie hat die Zugvögel von Gerd Hofer übernommen, nachdem er in Rente gegangen ist.

Anna Brölls Lieblingsroute ist die Strecke von Vaihingen/Enz nach Bietigheim-Bissingen: „Da ist die Landschaft ein Highlight“. Die Natur kann man auch hinter dem Viadukt meist ungestört genießen, denn über weite Strecken ist man allein auf dem Fluss, man kann sich gut aus dem Weg paddeln. Nur ungern kehrt man um. „Du weisest schmeichelnd mich zurück zu deiner Blumenschwelle“, schrieb Mörike. Dort wartet auf der anderen Uferseite der Enz ein großer Spielplatz – und man kann auch Tret- und Ruderboote ausleihen. Zudem lockt ein Biergarten. Alles fließt: Mit einem Getränk in der Hand nimmt man Abschied: „Nach tausend Irren kehrest du zur ewg’en Mutterquelle!“

Informationen für Besucher
Standorte Der Verleih „Die Zugvögel“ haben an Enz, Rems und Neckar 39 Ein- und Ausstiegsstellen, 7 feste Stationen, 200 Boote und 50 SUPs.

Für das Kinderferienprogramm sind aktuell noch Plätze frei.

Preise Bootsverleih ab 15 Euro, geführte Gruppentouren ab 25 Euro/Person, zwei Stunden SUP 20 Euro. Eine Online-Anmeldung bis um 16 Uhr am Vortag ist zwingend erforderlich.

Die Anfahrt
Vom Stuttgarter Hauptbahnhof geht es mit der S 5 oder der Regionalbahn nach Bietigheim-Bissingen. Von dort aus ist es ein etwa 15-minütiger Fußmarsch bis zum Büro der Zugvögel (Holzgartenstraße 18).
 

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