Reutlingen

Der Roßberg bei Reutlingen ist nicht nur wegen des Turms und der Aussicht eine Wanderung wert. Momentan ist er zwar nicht zugänglich – trotzdem lohnt sich der Aufstieg.

Reutlingen - Der Jägerweg ist viel zu kurz, um bis zum Roßberg alles zu erzählen, was es über ihn zu erzählen gibt. „Hochgehkämpft“ heißt die Premiumspazierwanderung beim Reutlinger Stadtteil Gönningen zwar. Aber es dauert nur eine Stunde, bis der stellenweise durchaus steile Anstieg geschafft ist. Rainer Ganzner räumt gleich mit dem ersten Missverständnis auf: Der Name des Berges stammt nicht vom Pferd, sondern von den Kelten. Roß bedeutete in ihrer Sprache „der Berg hinter dem Berg“, erklärt der Naturschutzwart. Und dem kleinen Vulkan davor ist es zu verdanken, dass der Roßberg auch heute noch mit seinen 869 Meter im Panorama am Albtrauf ziemlich herausragend wirkt.

Geschichte und Geschichten findet Rainer Ganzner alle paar Meter am Wegesrand. Da wächst zum Beispiel die Türkenbundlilie, an der sich die Rehe berauschen, oder der Eisenhut, mit dessen Wurzeln Burgfräulein einst unliebsame Ritter umgebracht haben. Sie legten Scheiben davon in dessen Schuhe, so konnte das Gift die Leber langsam außer Gefecht setzen. Beim Übergang zur Roßbergwiese zeigt der 72-Jährige auf eine Buche, die mit ihren 250 Jahren wohl einer der ältesten Bäume im Wald ist. Vom „Franzosendiebstahl“, wie es im Volksmund heißt, erzählt er dann, wie die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationszahlung Kahlschlag rund um Reutlingen betrieben.

Der älteste Stein Reutlingens

Von der Grünfläche, auf der oft Schafe weiden, geht es einen Steilhang durch den Wald hinauf. Mit vier Wällen haben die Kelten vermutlich ein Heiligtum auf der Kuppe geschützt, die Überreste davon sind noch zu erkennen. „Das ist vermutlich der älteste Mauerstein Reutlingens“, sagt Rainer Ganzner und zeigt auf einen vor rund 3000 Jahren grob gehauenen Klotz. Sein Großvater war Förster und hat dem wissbegierigen Enkel alles erklärt, der Schäfer, bei dem er als Kind viel Zeit verbrachte, tat das Gleiche. Bis zu seiner Pensionierung vor zwölf Jahren leitete Rainer Ganzner die Gönninger Postfiliale. Er ist nicht nur ehrenamtlicher Naturschutzwart für das Landratsamt Reutlingen, sondern hat auch das Samenhandelsmuseum im Ort eingerichtet. Für den Schwäbischen Albverein ist er jetzt noch in die Rolle des Turmwächters geschlüpft.

„Die Gönninger sind auf ihren Roßberg gestiegen, haben von dort die Welt gesehen und sind aufgebrochen, um sie zu entdecken“, sagt Rainer Ganzner. Denn im 19. Jahrhundert war fast die Hälfte der rund 2000 Einwohner damit beschäftigt mit Samen aus aller Herren Länder zu handeln. Zu seinem 25-jährigen Jubiläum baut sich der Albverein 1913 einen Turm auf den markanten Gipfel, zwei Mal wurde das Bauwerk erweitert und zum beliebten Wanderheim mit Gaststätte. Momentan stehen die Wanderer allerdings vor verschlossenen Türen: Der Pächter kündigte im Juli überraschend, die Suche nach einem Nachfolger ist nicht leicht. „Sorry“, steht auf einem Schild am Eingang.

Der Blick reicht bis zur Zugspitze

Nach 139 Stufen reicht der Blick auf der einen Seite bis zum Stuttgarter Fernsehturm und auf der anderen Seite zu den zehn Tausendern der Schwäbischen Alb. Rainer Ganzner hat erst am anderen Tag die Zugspitze gesehen. Momentan müssen sich die Wanderer jedoch mit dem Aussichtspunkt unterhalb des Wanderheims begnügen. Dort wurde Friedrich August Quenstedt ein Denkmal gesetzt. „Es war sein Lieblingsplatz“, sagt der Gönninger Geschichtenkenner über den Tübinger Professor, der als geologischer Erforscher der Alb gilt.

Außerdem befindet sich an der Stelle der Messpunkt 1 der württembergischen Landesvermessung, die König Wilhelm I. 1818 in Auftrag gegeben hatte: „Damals waren alle der Meinung, der Roßberg ist der höchste Berg der Schwäbischen Alb“, erklärt Rainer Ganzner. Erst später stellte sich heraus, dass die imposante Erhebung bei Reutlingen leider von den zehn Tausendern bei Balingen getoppt wird.

Besucherinfos

Die Tour „hochgekämpft“ führt über einen gemütlichen Anstieg und anspruchsvollen Serpentinen über das Roßfeld zum Roßberg hinauf. Die Wanderung ist nicht ganz fünf Kilometer lang, die Laufzeit beträgt weniger als zwei Stunden und der Gesamtanstieg etwa 250 Meter. Wie lange der 28 Meter hohe Roßbergturm geschlossen sein wird, ist offen. Der Schwäbische Albverein sucht „aktiv nach einem neuen Pächter“, berichtet Anette Schramm, die Hauptgeschäftsführerin des Vereins: „Es gibt bereits einige Interessenten.“ Das Wanderheim soll auch renoviert werden.

Wer dennoch einen Turm besteigen will, kann beispielsweise auf den Schönbergturm bei Pfullingen ausweichen. Er ist ständig geöffnet und wird im Volksmund „Unterhos“ genannt, weil er jeweils einen Schacht zum Auf- und und zum Abgang hat.

Die Anfahrt

Vom Hauptbahnhof Stuttgart fahren Sie mit der Regionalbahn, die täglich alle 20 Minuten abfährt, oder dem Interregio bis Reutlingen Bahnhof. Von dort geht es mit der Buslinie 5 (Montag bis Freitag alle 20 Minuten sowie Samstag und Sonntag alle 30 Minuten) bis zum Gönninger Rathaus. Von dort geht es die Roßbergstraße hinaus zum Schützenhaus Gönningen, wo der Wanderweg „hochgekämpft“ startet.

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