Hinter der Fassade

Bitte in die Zeitmaschine steigen. Wahlweise in der Reitzensteinstraße stehen bleiben. Dort befördern die Künstlerateliers in die 80er Jahre. Zwischen den Weltkriegen stoppen wir am Gaskessel. Um 1900 geht es zum Wera-Haus und rein in die ganzen Arbeitersiedlungen, von Backsteinhausen bis Rio. In Renaissance-Vibes schwelgt die Villa Berg. Aber ist die nicht von 1853? Und was ist mit den Kirchen? Hier gibt’s viele Stilrichtungen zu sehen!

Die Künstlerstraße an der B14.

Künstlerstraße, © SMG, Sarah Schmid

B14 und Neckarstraße haben sie im Schwitzkasten: Versteckt zwischen Bäumen und Sträuchern düsen die Menschen täglich an der Reitzensteinstraße vorbei. Doch der zweite Blick lohnt. Denn hier verketten sich elf preisgekrönte Atelierhäuser zu einer originellen architektonischen Zeile. Abwechselnd, mal als Wellblechtonne, mal als zweigeschossiger weißer Kubus, werden die Gebäude durch einen länglichen Bautrakt verbunden. Bei den Tonnen handelt es sich um vorgefertigte Stahlhallen, sogenannte „Nissenhütten“. Ihre Lichtzufuhr erhalten sie durch Nordfenster, die Kuben über Oberlichter. Das Projekt der „Künstlerstraße“ nahm Ende der 1980er Jahre seinen Lauf. Damals stiegen die Mieten in Stuttgart rasant an, günstige Flächen für Ateliers und Werkstätten wurden rares Gut. Die Abwanderung von Kunstschaffenden begann. Doch Not macht eben auch erfinderisch… und kreativ. Der Objektkünstler Jo Schöpfer wollte bleiben und schlug der Stadt ein Modell vor: Kunstschaffende bauen ihre Ateliers selber, das Grundstück stellt die Stadt per Erbpacht zur Verfügung. Das Ergebnis des damaligen Pilotprojektes lässt sich noch heute bewundern. Reihenhaus, mal anders!

Geschenk einer Herzogin: das Wera-Haus.

Wera Haus, © SMG, Sarah Schmid

Auf dem Weg zwischen Berger Kirche und den Mineralbädern verlangsamen Passanten und Passantinnen den Schritt, denn hier fällt ein hübscher Bau ins Auge. Das Wera-Haus verzückt durch seine rote Ziegelsteinfassade und weißen Ornamente. Herzogin Wera Konstantinowa, die 1854 als Großfürstin von Russland geboren wurde, kam mit neun Jahren zu ihrer Tante Königin Olga von Württemberg und wurde vom Königspaar adoptiert. Sie war sozial sehr engagiert und wurde zu einer großen Wohltäterin des Landes. Unter anderem unterstützte sie auch dieses 1904 gegründete Gemeindehaus. Im Wera-Haus waren etwa ein Jugendverein, ein Kindergarten und eine Diakonissenstation untergebracht. Auch die Heilandskirche und das Weraheim, eine Zufluchtsstätte für Mütter in Not, erinnern im Osten noch heute als sichtbare Zeichen an das soziale Engagement der Herzogin.

Von Lebensbaum bis Pentagon: 4x Wow und Amen!

Gaisburger Kirche, © SMG, Sarah Schmid

Vier Kirchen fallen im Stuttgarter Osten ins Auge. Auf ihrem Bergsporn strahlt die schneeweiße Gaisburger Kirche von 1911 im klassizistischen Gewand. Innen überrascht sie mit ovalem, heiteren Kirchenraum, dreiteiliger Weigle-Orgel und „Lebensbaum“ — einem Wandgemälde im Jugendstil der Künstlerin Käte Schaller-Härlin. Die Heilandskirche wurde durch die Herzogin Wera gestiftet, man errichtete sie 1914 zu Fuße der Villa Berg. Von dem Gebäude, das in Anlehnung an den romanischen Stil gestaltet wurde, wurde ein Großteil zerstört. Seit dem Wiederaufbau in den 60er Jahren zeigt sich die Heilandskirche mit ursprünglichem Turm, Vorhalle und Muschelkalk-Portal sowie einem modernen, pentagonalen Kirchenraum mit Betonglasfensterband. Die Lukaskirche wurde 1899 erbaut, im 2. Weltkrieg zerstört und wieder aufgebaut. Sie diente in erster Linie den Bewohnern der benachbarten und im selben Zeitraum entstandenen Ostheimsiedlung als geistlicher Ort. Wo Gaisburg, Gablenberg und Ostheim aneinanderstoßen, errichtete man 1921 die Herz-Jesu-Kirche. An eine italienische frühchristliche Basilika erinnert dieses Gotteshaus aus heimischem Travertin mit ihrem freistehenden Turm, der oberhalb des Klingenbachparks aufragt. Die Innenausstattung ruft allerdings: Fifties!

The Beauty and the Backstein: Kolonie Ostheim.

Eduard-Pfeiffer-Platz, © SMG, Sarah Schmid

Kern des Stadtteils Ostheim ist seine „Kolonie“. Hier setzte der „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ sein erstes große Bauprojekt um. Außerhalb der Stadt und doch nicht weit vom Arbeitsplatz entfernt sollten für Arbeiter und Handwerker, aber auch für einfache Angestellte, Beamten und Kaufleute billige Wohnungen mit viel Licht und Luft entstehen. So entstanden zwischen 1892 und 1903 auf 12 Hektar 383 Häuser mit 1267 Wohnungen. Die auf rechteckigem Grundriss erbaute Siedlung ist heute ein beliebtes Wohngebiet. Ihre Achse bildet die Neuffenstraße, der Eduard-Pfeiffer-Platz das Zentrum. Die Architekten Karl Heim und Karl Hengerer entwickelten zwei- bis dreigeschossige Einzel- und Doppelhäuser, die mit Naturstein und Fachwerk verziert wurden. Abwechslung brachten (Vor)gärten, unterschiedliche Dachformen und Elemente wie Türmchen, Erker und Balkone. Gründervater der Siedlung und des Vereins war der jüdische Bankier Hofrat Eduard von Pfeiffer, den seine Frau Julie in jeder Hinsicht unterstützte. Durch seine Stiftung und Schenkungen wurden neben Ostheim noch weitere Siedlungen errichtet und auch die Stuttgarter Altstadt rund um den Hans-im-Glück-Brunnen saniert.

Park der Villa Berg: Tango, Rosen & Renaissance.

Villa Berg Park, © SMG, Sarah Schmid

Lust auf einen Abstecher in den grünen Osten? Über den Trollinger oder Riesling-Steg geht es vorbei an den Mineralbädern und dem SWR Funkhaus hoch zur Villa Berg. Umsäumt von Bäumen und Wiesen blickt das „Landhaus“ auf einer Anhöhe über seinen verwilderten Park. Kronprinz Karl und Zarentochter Olga beauftragten Christian Friedrich von Leins 1853 mit dem Bau ihres persönlichen Refugiums. Der Architekt ließ sich von der italienischen Renaissance inspirieren. Das sieht man dem Würfelbau mit seinen Pfeilern, Säulen, Loggien und Reliefs auch an. Der Garten im französischen Stil wurde später in eine englische Parklandschaft verwandelt. 1912 ging das Landhaus an die Stadt über, in den 1920er Jahren wurde es samt Park, Café und einer Gemäldegalerie der Öffentlichkeit geöffnet. Nachdem der Bau im Zweiten Weltkrieg ausbrannte, richtete sich der Süddeutsche Rundfunk ein. Ein Konzert- und Sendesaal mit berühmter Walcker-Orgel wurde eingebaut, im Park entstanden neue Funk- und Fernsehstudios. Nach einem Hin und Her an Investoren und dem erneuten Rückkauf durch die Stadt 2015 ist die Villa Berg in einen Dornröschenschlaf gefallen. Stuttgart träumt von einem „Offenen Haus für Musik und mehr“. Derweil wird der verwunschene Park von der Bevölkerung zur Entspannung genutzt. Im Sommer tanzen die Stuttgarter:innen hier Tango, tanken Sonne und treffen sich zum Picknick. Im Rosen-Belvedere werden Selfies geschossen, während der Japan-Garten zu Füßen des Hügels zur meditativen Pause verführt.

Inoffizielles Wahrzeichen: Gaskessel.

Gaskessel hinter Straßenzug, © SMG, Sarah Schmid

Herausragend ist der Gaskessel mit seinen 102 Metern Höhe und 300.000 Kubikmetern Fassungsvermögen allemal. 1929 fertiggestellt, hätte er den Alliierten im Zweiten Weltkrieg einen guten Orientierungspunkt geboten. Daher ließ man auf seiner Hülle das riesige Bild einer Stadtlandschaft malen. Die Vorlage stammte vom Künstler Oskar Schlemmer. Er musste als bei der beuftragten Firma angestellter Maler (als Künstler durfte er nicht arbeiten) selbst mitmalen – was ihm gesundheitlich sehr geschadet hat.
Trotz Tarnung wurde der Gaskessel im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Bis 1949 nach den ursprünglichen Plänen wieder aufgebaut, steht der Koloss heute als Industriedenkmal unter Denkmalschutz. Seit 2021 ist das Gebäude „in Pension“ und wurde aus dem Betrieb genommen. Als unübersehbare Landmarke thront er heute noch über Gaisburg und gilt als inoffizielles Wahrzeichen des Stadtbezirks.