Mal was anderes (machen)

O ja, das machen wir! Aber was jetzt genau? Der Stuttgarter Osten hat sich da etwas überlegt. Zum Beispiel: Saunieren im Mineralbad. Hüftschwingen in den Tango-Hotspots. Blues lauschen im „Laboratorium“. Soundtauchen bei „Fridas Pier“. Piep-Schau verfolgen im „Muse-O“. Schweinereien gucken im Schweinemuseum. Theater wollen (aber nur die kleinen). Filme sichten (aber nur die Dokus). Alles klar, machen wir!

Die Mineralbäder: O Solebad mio.

Mineralbad Das LEUZE Eingang, © SMG, Sarah Schmid

Schwimmen im Sprudel? In den Stadtteilen Berg und Bad Cannstatt immer möglich. Neben Budapest hat keine andere europäische Stadt ergiebigere Mineralwasservorkommen. In Stuttgart blubbert täglich aus 19 Quellen mehr als 22 Millionen Liter kohlensäurehaltiges Wasser. Elf davon sind staatlich anerkannte Heilquellen. Wasserratten stehen 20 öffentliche Mineralwasser-Trinkbrunnen, ein Kurmittelhaus und drei Mineralbäder zur Verfügung, zwei davon in Stuttgart-Ost. Zum Baden gehen Familien und Jugendliche ins „Leuze“ mit Saunalandschaft, Warmbadehalle und Außenbecken. She’s got the look: Die Anlage geht auf das Jahr 1842 zurück, ihr Aussehen mit buntem Anstrich und Skulpturen erhielt sie 1983. Im benachbarten „Mineralbad Berg“ von 1856 drehen alteingesessene Badekappenträger:innen ihre Bahnen im Außenbecken. Wassertemperatur: 21° kalt. Das „Neuner“, wie es nach dem Gründer und königlichen Hofgärtner Friedrich Neuner genannt wird, ist Kult. Auch nach der Generalsanierung hat es nichts von seinem 50er-Jahre Charme verloren. Im Retro-Liegestuhl lässt sich die Lebensphilosophie der Bergianer:innen beobachten. „Wildes Toben und Planschen gibt es hier nicht“, brachte es der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf den Punkt, „Stattdessen wird hier auf gediegene Weise geschwommen und das Wasser genossen. Diese starke Identität des Bad Berg hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert.“ Entschleunigung und „Champagnereffekt“ lösen (Stamm-)Gäste hier mit dem Eintrittsticket ein.

Das Mineralbad Berg ist aufgrund eines Wasserschadens leider bis aufs Weitere geschlossen.

Hüfte schwingen, Tango tanzen.

Villa Berg Park, © SMG, Sarah Schmid

Haltung annehmen, Waden strecken: It’s Tango Time! Der Stuttgarter Osten hat die Leidenschaft in Blut und Asphalt. Hier befindet sich eine der größten Tango-Gemeinden in Deutschland. Im Bezirk ist jeden Abend Milonga angesagt. Die Hüfte schwingen können Profis und Amateure im „Tango-Salon“, „Tango Palace“, „Tangoloft“, „nada màs“, „La Republica del Tango“, „Salida“ und wie sie alle heißen. Wie wäre es mit Wiese statt Parkett? Alles möglich hier im Osten, wenn der Park der Villa Berg sich im Sommer mal wieder zur Tanzlocation verwandelt.

Impro, Swing und „wilde Bühne“ im „Kulturwerk“.

Kulturwerk, © SMG, Sarah Schmid

Bis zu 2.000 Menschen stellten in der Fabrik einst Strickwaren her. Heute ist im Kübler-Areal die Kunst und Kultur zuhause. Einen eigenen Gebäudekomplex nimmt das „Kulturwerk“ mit Blauem Salon, Lokal und Spiegelsaal ein. Ein abwechslungsreiches Kulturprogramm und ein leckerer Mittagstisch locken die Menschen hierher. Neben Stadtteilkino, Improtheater, Swingtanz und „wilder Bühne“ punktet der Ort mit seiner sozialen Grundhaltung. Hier bekommen Menschen eine Chance, die sich sonst auf dem Arbeitsmarkt schwertun, etwa ehemalige Suchtkranke oder psychisch erkrankte Menschen.

Die Welt hören im „internationalen Theater Atelier“.

An den Wochenenden in einem Nebenraum eines Modeateliers, da fing 2014 mit den „Idioten“ nach Dostojewski alles an. Inzwischen hat das „internationale Theater Atelier“ einen wohlgefüllten Spielplan. Das Theater ist international, nicht nur weil es im Namen steckt und Werke der Weltkultur gespielt werden, sondern weil das Ensemble aus Schauspielenden aus aller Welt besteht. Von Arabisch bis Usbekisch: Auf der Kleinstbühne erklingen diverse Sprachen, auch wenn zunächst einmal auf Deutsch gespielt wird. Im Sommer verlagert sich das Drama gerne in den Hinterhof. Schreiende Papageien oder das Wetter spielen dann als Statisten mit und lassen jede Aufführung zu einem eigenen Erlebnis werden.

Suppe vom „Cuisin’le“, Theater im „La Lune“.

Cuisinle, © SMG, Sarah Schmid

In der „schönsten Kurve Stuttgarts“ hat sich das „Theater La Lune“ niedergelassen. Hier im Alten Schulhaus hat ihm das „Muse-O“ in Gablenberg Platz gemacht. Die französische Enklave unter den Stuttgarter Kleintheatern liebt und lebt nicht nur vom Schauspiel, Open Stage, Lesungen und Kindertheater, sondern auch von Kammermusik und Konzerten. Im „Cuisin’le“ rückt das Publikum zu Suppen und Desserts schon vor der Aufführung zusammen. Kreativ: Das, was in den Topf kommt, passt häufig auch zum Thema der späteren Vorführung.

Puppen tanzen (und reisen) lassen: „Theater Tredeschin“.

Theater Tredeschin, © SMG, Sarah Schmid

Der Name „Tredeschin“ stammt aus einem Märchen aus Graubünden. Darin nennt ein armer Bauer das letzte seiner dreizehn Kinder „Tredeschin“ — „Dreizehnlein". Der Junge hat eine besondere Gabe: Tredeschin kann die Menschen mit Spiel und Musik unterhalten, weshalb er am Ende sogar die Königstochter ehelicht. Der Legende getreu unterhält das „Puppentheater Tredeschin“ seit 1994 seine Gäste. Zunächst tat es das als Reisetheater, ein Jahr später eröffnete es in Stuttgart seine kleine Spielstätte mit Hinterhof. Auf dem Spielplan stehen Märchen, Kindergeschichten und Klassiker der Weltliteratur, die in (Misch)formen von Figurentheater, Schau- und Maskenspiel umgesetzt werden. Zudem gestaltet das „Tredeschin“ Workshops und Geburtstagsfeiern. Seinen Wurzeln als Reisetheater bleibt es ebenfalls treu und tourt regelmäßig durch Europa.

Feiern an „Fridas Pier“.

Fridas Pier, © SMG, Sarah Schmid

Frida hieß früher Wilhelm. Wilhelm Nipscheer. Auf dem 60 Jahre alten Frachtkahn, der mit einer Extraportion Liebe zum Event- und Clubschiff umgebaut wurde, wird das ganze Jahr über gechillt und gefeiert. An einer alten Kohleverladestelle am Neckar-Ufer hat „Fridas Pier“ als Kulturwerft, Event- und Clubschiff einen Heimathafen gefunden. Das Herz des Tankers wummert unter Deck: Dort laden Kollektive und Soundkünstler:innen zu Elektro-, Techno- und House-Beats und uferlosen Stunden ein. Über Deck und am Pier wird an Bar, Essensständen und Floors am liebsten dem Leben zugeprostet. Währenddessen verkrümelt sich die Sonne im Industriegebiet und in den Neckarfluten. Frida sagt übrigens, wir sollen jetzt Feierabend machen: Ahoi, Wochenende!

Still Got The Blues im „Laboratorium”.

Laboratorium, © SMG, Sarah Schmid

Es ist ein Flaggschiff der Stuttgarter Alternativkultur. Der Name: Programm. Offen für Neues, Anderes, Noch-nicht-Gesehenes soll und will das „Laboratorium“ sein. Ob Heidi und Randi Schmid sich das hätten träumen lassen, als sie ihr „Lab“ 1972 im Wirtshaussaal der ehemaligen Gaststätte Linde gründeten? Ein halbes Jahrhundert später spielt an der Wagenburgstraße 147, in direkter Nachbarschaft zum „Schlampazius“, noch immer die (Live-)Musik. Zwischen der Minibühne und der ersten Reihe ist es kuschelig und vertraut wie eh und je. Im ältesten Kulturzentrum der Stadt haust vor allem der Blues, Folk, Jazz, Alternative Rock und Weltmusik, aber auch das Lab-Festival im Unteren Schlossgarten sowie Kabarett, Theater und Vorträge bereichern das Programm.

Filme sichten im Haus des Dokumentarfilms.

Kulturpark Berg, © SMG, Sarah Schmid

Einmalig in Europa: Im Kulturpark Berg widmet sich das Haus des Dokumentarfilms (HdD) seit 1991 den dokumentarischen Filmen. Ihm angegliedert ist auch die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. Vom alten Amateurstreifen bis zum aktuellen Werbespot: Inzwischen umfasst die Sammlung über 11.000 Filmtitel, der älteste stammt aus dem Jahr 1904. Mit seinem umfangreichen Online-Angebot, Filmabenden, Workshops und dem jährlichen Branchentreff DOKVILLE richtet sich das HdD an Medienprofis, Film-, Kino- und Kulturfans. In Meisterklassen geben renommierte Regisseure und Regisseurinnen Einblick in ihre Werke und Arbeitsweisen.

Stadtteilgeschichten und Piep-Schau im „Muse-O“.

Muse-O, © SMG, Sarah Schmid

In einem alten Schulhaus entführt das „Muse-O“ an den Wochenenden in die Vergangenheit des Stuttgarter Ostens. Historische Alltagsgegenstände und liebevoll gestaltete Ausstellungen lassen Stadtteilgeschichte(n) in Gablenberg lebendig werden. Neben Vorträgen, Konzerten und Lesungen bietet der engagierte Museumsverein auch Führungen zu stadtgeschichtlichen Themen. Eine unerwartete tierische Attraktion turtelt unter dem Dach. Jedes Jahr nisten hier Mauersegler, die via Kamera, Blog und bei Veranstaltungen beobachtet und vorgestellt werden — bekannt als „Piep-Schau“ des Museums. Im Erdgeschoss ist das „Theater La Lune“ und dessen „Cuisin’le“ beheimatet. Das Bistro-Café stärkt Museumsgäste und Theaterpublikum am liebsten mit Eintopf, Suppe, Curry und Co.

Versaute Ausstellungen im Schweinemuseum.

Schweinemuseum Eingang, © SMG, Sarah Schmid

Hier hat man Schwein — in Überzahl. Alles über das Borstenvieh und seine Kunst- und Kulturgeschichte, vom Nutztier über das Sparschwein bis zur Bedeutung der Sauna, erfahren Besucher:innen im Schweinemuseum. Auf dem Rundgang durch die 27 Themenräume geht es vorbei an 50.000 Exponaten aus aller Welt. In Sonderausstellungen werden unterhaltsame „schweinische“ Themen beleuchtet wie etwa das „Chinesische Jahr des Schweines“. Wer ordentlich Schwein gehabt hat, kehrt im Erdgeschoss ins Gasthaus „Stuttgarter Schlachthof“ ein. Richtig gelesen: Im Jugendstilbau war früher die Verwaltung des Schlachthofs untergebracht. Gaststätte und Biergarten locken mit — was sonst? — Schweinsbäckle, Spanferkel, Schweinshaxen…