Typisch Ost!

Typisch Ost: Man bleibt bodenständig. Holt sich Kaffee im „KiOst“ am Ostendplatz. Isst Burger beim „Udo Snack“. Trinkt Bier in den Stammkneipen. „Schlampazius“, „Friedenau“, „Alte Schule“ und wie sie alle heißen. Frischluft wird rund um die verwunschene Villa Berg oder im Klingenbachpark getankt, während der Gaskessel in Sichtweite seinen Industrie-Charme versprüht. Vielleicht sind alle so entspannt drauf, weil Dorf und Stadt so nah beieinander liegen? Oder weil das Heilwasser der Mineralbäder beruhigend blubbert?

Inoffizielles Wahrzeichen: Gaskessel.

Gaskessel, Stuttgart-Ost, © SMG, Sarah Schmid

Herausragend ist der Gaskessel mit seinen 102 Metern Höhe und 300.000 Kubikmetern Fassungsvermögen allemal. 1929 fertiggestellt, hätte er den Alliierten im Zweiten Weltkrieg einen guten Orientierungspunkt geboten. Daher ließ man auf seiner Hülle das riesige Bild einer Stadtlandschaft malen. Die Vorlage stammte vom Künstler Oskar Schlemmer. Er musste als bei der beuftragten Firma angestellter Maler (als Künstler durfte er nicht arbeiten) selbst mitmalen – was ihm gesundheitlich sehr geschadet hat.
Trotz Tarnung wurde der Gaskessel im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Bis 1949 nach den ursprünglichen Plänen wieder aufgebaut, steht der Koloss heute als Industriedenkmal unter Denkmalschutz. Seit 2021 ist das Gebäude „in Pension“ und wurde aus dem Betrieb genommen. Als unübersehbare Landmarke thront er heute noch über Gaisburg und gilt als inoffizielles Wahrzeichen des Stadtbezirks.

Die Stadt bleibt im Dorf.

Muse-O, © SMG, Sarah Schmid

Die Stadtteile Berg, Gaisburg und Gablenberg entstanden aus mittelalterlichen Dörfern. Das sieht man ihnen heute noch an: Jedes Viertel besitzt jeweils seine eigene vollständige Infrastruktur.  Besonders Gablenberg, das wie Gaisburg auf den Weinanbau zurückgeht, konnte sich seinen dörflichen Charakter bewahren. Im Alten Schulhaus vermittelt das Stadtteilmuseum „Muse-O“ die Geschichte des Bezirks. Nach dem historischen Exkurs bietet sich ein Gipfelsturm über die Buchwaldstaffel an. Die lange, enge Treppenflucht ist ein Paradebeispiel ihrer Zunft: Gablenbergs Hänge sind Kleingartenparadiese. Oben angelangt, weitet sich der Blick über den gesamten Stuttgarter Osten bis zum Welzheimer Wald.

Die Mineralbäder: O Solebad mio.

Mineralbad Das LEUZE Eingang, © SMG, Sarah Schmid

Schwimmen im Sprudel? In den Stadtteilen Berg und Bad Cannstatt immer möglich. Neben Budapest hat keine andere europäische Stadt ergiebigere Mineralwasservorkommen. In Stuttgart blubbert täglich aus 19 Quellen mehr als 22 Millionen Liter kohlensäurehaltiges Wasser. Elf davon sind staatlich anerkannte Heilquellen. Wasserratten stehen 20 öffentliche Mineralwasser-Trinkbrunnen, ein Kurmittelhaus und drei Mineralbäder zur Verfügung, zwei davon in Stuttgart-Ost. Zum Baden gehen Familien und Jugendliche ins „Leuze“ mit Saunalandschaft, Warmbadehalle und Außenbecken. She’s got the look: Die Anlage geht auf das Jahr 1842 zurück, ihr Aussehen mit buntem Anstrich und Skulpturen erhielt sie 1983.

Im benachbarten „Mineralbad Berg“ von 1856 drehen alteingesessene Badekappenträger:innen ihre Bahnen im Außenbecken. Wassertemperatur: 21° kalt. Das „Neuner“, wie es nach dem Gründer und königlichen Hofgärtner Friedrich Neuner genannt wird, ist Kult. Auch nach der Generalsanierung hat es nichts von seinem 50er-Jahre Charme verloren. Im Retro-Liegestuhl lässt sich die Lebensphilosophie der Bergianer:innen beobachten. „Wildes Toben und Planschen gibt es hier nicht“, brachte es der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf den Punkt, „Stattdessen wird hier auf gediegene Weise geschwommen und das Wasser genossen. Diese starke Identität des Bad Berg hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert.“ Entschleunigung und „Champagnereffekt“ lösen (Stamm-)Gäste hier mit dem Eintrittsticket ein.

Das Mineralbad Berg ist aufgrund eines Wasserschadens leider bis aufs Weitere geschlossen.

Pure Ost-Vibes am Ostendplatz.

Ostendplatz Kreisverkehr, © SMG, Sarah Schmid

Man nehme ein ehemaliges Arbeiterviertel, ein Stückle Schwaben-Multikulti, eine Prise Urbanisierung. Ab in den Bezirksmixer, fertig ist der Ostheim-Cocktail. Von Geschäften, Bücherei und Jugendhaus bis hin zum Leo-Vetter-Bad tummeln sich allerlei Einrichtungen entlang der Ostendstraße. Am schönsten verdichtet sich das Wimmelbild am Ostendplatz. Bus, Bahn, Bewohner:innen: Am Knotenpunkt kommen alle zusammen. Morgens schnappt man sich einen Muntermacher beim „KiOst“ oder (natürlich die stadtbesten) Brezeln in der „Bäckerei Voß“, nachmittags und abends lockt das „Vietal Kitchen“ mit Lampions und vietnamesischen Leckereien. Und dann schwirren alle wieder aus. Wohin es jetzt auch geht: In alle Himmelsrichtungen ziehen sich Straßen mit schönen Backsteinhäusern.

Alles entspannt im Klingenbachpark.

Klingenbachpark, Spielplatz, © SMG, Sarah Schmid

Auf Google Maps ist der Klingenbachpark nicht grün markiert, aber das kümmert hier niemanden. Er ist das Wohnzimmer des Stuttgarter Ostens. An seinem Rand wacht die Herz-Jesu-Kirche, im Hintergrund der dicke Gaskessel, während auf dem langgezogenen Grünstreifen die Anwohner:innen zusammenkommen. Grillen, chillen, spielen — alles möglich, alles ganz unkompliziert. Tischtennisplatte, Spielplatz, Boulefeld tun ihr Übriges, um für relaxte Gesichter zu sorgen. Nach dem Park ist vor dem Biergarten. Der steht am Ende des Areals bereit. Oder man schlendert auf entgegengesetzter Seite zur Stadtteilkneipe an der Wagenburgstraße: Im farbenfrohen Biergarten des „Schlampazius“ kommt man zu Konzerten und den berühmten Essiggürkchen zusammen.

Auf gute Nachbarschaft am „KiOst“.

kiOst Schaufenster, © SMG, Sarah Schmid

Während die U-Bahn am Ostendplatz verschlafen lostuckert, schnappen sich die ersten Gäste im „KiOst“ ihren Espresso. Im Laufe des Vormittags läuft die Lamarzocco-Maschine heiß, die Sitze werden geentert, je nach Wetter am Schaufenstertresen innen oder sonnenanbetend außen auf der Fensterbank. Der Kiosk an der Ecke Ostend- und Haußmannstraße ist nicht nur Kult, er ist einer dieser Glücklichmacherorte, die vereinen. Handwerker:in oder Studi: Die Nachbarschaft kennt und winkt sich zu, pausiert und hält einen Plausch. Neben Tabak, Bier, Schoki und Co. finden sich auch regionale Produkte wie Kaffee vom benachbarten „Schwarzmahler“ und kuratierte Zeitschriften, Magazine und Coffee Table Books im Sortiment. Nicht wundern, wenn es dienstagabends voll wird. Um 19 Uhr verabredet sich die „Tuesday Athletic“-Gruppe zum Laufen. Stichwort: Nachbarschaftstreff.

Gürkchen, Biergarten, „Schlampazius“.

Schlampazius von außen, © SMG, Sarah Schmid

150 Jahre Gastro- und Kneipenerfahrung hat dieses denkmalgeschützte Eckhaus auf dem Buckel. Kein Wunder, dass sich das „Schlampazius“ und das Kulturzentrum „Laboratorium“ im Nebengebäude darin so wohlfühlen. Die Kultkneipe mit dem schönen Biergarten gibt es schon seit Ewigkeiten. Als „Linde“ mauserte sie sich ab ihrer Geburtsstunde 1869 zum beliebten Ausflugsziel. Mit der Taufe zum „Schlampazius“ begann 1962 ihre Karriere als linksalternativer Treffpunkt. Eins ist gleichgeblieben: Noch immer versammelt das „Schlampazius“ gerne die Nachbarschaft. Chefins hausgemachte Essiggurken dürfen auf keinem Tisch fehlen, wenn man sich zu Vesper und Feierabend-Bierchen verabredet. Die Küche achtet dabei stets auf fleischige, vegetarische und vegane Speisen. Für zuhause spuckt der 24/7-„Schlamponat“ im Hof die hausgemachten Drinks, Gerichte, Pestos, Marmeladen im Einmachglas aus. Nicht genug: Kultur- und Musikfans freuen sich auf die regelmäßigen Livekonzerte. Darauf trinken wir einen, her mit den Gürkchenshots.

Wirtstube macht Theater in der „Friedenau“.

Theater Friedenau, © SMG, Sarah Schmid

Ein Hauch von vordigitaler Welt weht einem aus der „Friedenau“ entgegen. „Wohnzimmer des Ostens“ — ein Titel, der so gerne vergeben wird: Dieses Restaurant, das Wirtshaus, Kegelbahn, Kabarett und Kleintheater in einem vereint, kann ihn getrost tragen. Einen Monat nach seinem Einstand organisierte der Wirt in der „Friedenau“ bereits erste Vorstellungen. Das war 1981. Bis heute vergeht kaum ein Monat ohne Weinprobe oder Komödie. Seit 2008 bringt das Mundart-Ensemble „Komödle“ schwäbische Stücke auf die Kleinstbühne. Gegessen wird natürlich auch –sowohl schwäbisch als auch international – in der rustikalen Wirtstube, im Sommer auch gerne auf der Terrasse.

Best of Burger bei „Udo Snack Ost“.

Udo Snack OG, © SMG, Sarah Schmid

Natürlich gibt es den „Udo“ in der Calwer Straße, aber in der Schwarenbergstraße ist DER „Udo Snack“. 1962 eröffnete Udo Höroldt die erste Frittenbude in Süddeutschland und eine Erfolgsgeschichte mit vielen Ablegern nahm ihren Lauf. Den „Udo Snack Ost“ übernahm Christos Chatzopoulos 1985, seitdem ist er in Familienbesitz: Heute ist Ioannis am Ruder. Ob Doppel-Chegg, Hawaii oder Greek – die Burger schmecken in allen Variationen. Der Devise „einfach lecker“ wird in zweiter Generation Folge geleistet. Bei Udo zelebriert man die Liebe zum Detail. Zerschmolzener Käse, Gürkchen, Zwiebeln, Salatblatt, Ketchup-Mayo-Mix und hundert Prozent Rindfleisch aus der Region bringen die Fast Food Party in den Mund. Traditionell werden die Pommes wie zu Anfangszeiten noch von Hand geschält. Die Stammkunden wissen es zu schätzen.

Wohnzimmer + Pub = „Alte Schule“.

Alte Schule von außen, © SMG, Sarah Schmid

Wenn es einen Platz gibt, der zeigt, wie ehrlich, charmant, urig es im Stuttgarter Osten zugeht, dann ist es die „Alte Schule“. Der 42er Bus hält genau vor dem Pub, in zehn Schritten steht der durstige Gast an der Bar und wird herzlich empfangen. Willkommen sind alle: Fußballfans, Hobbyquizzer, Thekenhockende, Stammtischsitzende, Guinness Gourmets, Ginflüsterer. Inmitten von viel Holz und Retroschildern bietet das schwäbisch-schottisch geführte Lokal neben diversen Whiskyflaschen und flüssigem Glück auch Schnitzel, Maultaschen, Fleischküchle und schlonzigen Kartoffelsalat. Damit beim Trinken keine Langeweile aufkommt, werden immer wieder neue Gins, Craft Biere und saisonale Getränke getestet. Im Sommer wird im schönen Garten bier- und sonnengetankt.

Park der Villa Berg: Tango, Rosen & Renaissance.

Villa Berg mit bunten Fenstern, © SMG, Sarah Schmid

Lust auf einen Abstecher in den grünen Osten? Über den Trollinger oder Riesling-Steg geht es vorbei an den Mineralbädern und dem SWR Funkhaus hoch zur Villa Berg. Umsäumt von Bäumen und Wiesen blickt das „Landhaus“ auf einer Anhöhe über seinen verwilderten Park. Kronprinz Karl und Zarentochter Olga beauftragten Christian Friedrich von Leins 1853 mit dem Bau ihres persönlichen Refugiums. Der Architekt ließ sich von der italienischen Renaissance inspirieren. Das sieht man dem Würfelbau mit seinen Pfeilern, Säulen, Loggien und Reliefs auch an. Der Garten im französischen Stil wurde später in eine englische Parklandschaft verwandelt. 1912 ging das Landhaus an die Stadt über, in den 1920er Jahren wurde es samt Park, Café und einer Gemäldegalerie der Öffentlichkeit geöffnet. Nachdem der Bau im Zweiten Weltkrieg ausbrannte, richtete sich der Süddeutsche Rundfunk ein. Ein Konzert- und Sendesaal mit berühmter Walcker-Orgel wurde eingebaut, im Park entstanden neue Funk- und Fernsehstudios. Nach einem Hin und Her an Investoren und dem erneuten Rückkauf durch die Stadt 2015 ist die Villa Berg in einen Dornröschenschlaf gefallen. Stuttgart träumt von einem „Offenen Haus für Musik und mehr“. Derweil wird der verwunschene Park von der Bevölkerung zur Entspannung genutzt. Im Sommer tanzen die Stuttgarter:innen hier Tango, tanken Sonne und treffen sich zum Picknick. Im Rosen-Belvedere werden Selfies geschossen, während der Japan-Garten zu Füßen des Hügels zur meditativen Pause verführt.